Besinnung im Stubaital: Auf biblischen Pfaden

Man muss kein gläubiger Christ sein, um auf dem Besinnungsweg einen Nutzen aus den Bibelzitaten und Bildstationen zu ziehen. Die Verbindung von Mensch und Natur wird spürbar. Und angesichts der Schönheit des Weges steht jedem ­Wanderer ein wenig Dankbarkeit und Ehrfurcht für die Schöpfung gut zu Gesicht.

Text & Fotos: Friederike Brauneck

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Hoch hinauf: Inmitten schönster Natur führt der Pfad an sieben Bildstationen und neun Schrifttafeln aus dem Alten Testament entlang.
© Friederike Brauneck

Vor lauter Programm vergessen’s Leben!“, bringt es Hubert Pedevilla auf den Punkt. Mit seinen 66 Jahren hat er schon viele Menschen begleitet, denn er ist seit seinem 22. Lebensjahr Berg- und Skiführer in seiner Heimat im Stubaital. Jetzt, im „Un-Ruhestand“, übernimmt er hin und wieder gern mal eine Tour. Und so begleitet er mich heute auf dem Besinnungsweg im ­Pinnistal, einem kleinen Nebenarm des Stubaitals. Angelegt wurde der Weg von Künstlern und dem Pfarrer des Örtchens Neder nahe Neustift. „­Gerade recht in der heutigen Zeit“, wie mein Begleiter findet.

Hier, am Anfang des etwa fünf Kilometer langen Weges, greifen wir in den Informationskasten und lassen uns von dem einfachen Faltblatt in die Idee des Besinnungsweges einführen. Bibelzitate und die Geschichte der drei Jünglinge im Feuerofen sind der Leitfaden der sieben Bildstationen und neun Schrifttafeln, die der Weg verbindet. Zahlreiche Bänke laden ein, das alles auf „Sinn und Sinne“ einwirken zu lassen. Für weniger Bibelfeste wie mich Gelegenheit, sich vertraut zu machen mit dem Alten Testament: Die drei Jünglinge standen für ihre christliche Überzeugung ein – und wurden gerettet. Ein ovales Schild mit drei weißen Köpfen auf rot-züngelnden Flammen ist dann auch die Orientierungsmarke für die kommende Wanderung.

Biblischer Leitfaden

Zunächst geht es vor allem nach „oben“: eine gute halbe Stunde über viele von Hand gearbeitete Stufen, die nicht immer unbedingt Normhöhe haben, sondern auch mal etwas mehr von Wanderers Waden verlangen. Fast vierhundert Höhenmeter überwinden wir so. Das Rauschen des Pinnisbachs unter uns wird langsam schwächer, und eine wohltuende Stille breitet sich im Wald aus.

In den Jahren 1996 und 1997 entstand der Weg nach einer Idee von Pfarrer Edi Niederwieser und Friedl Stern, Bergführer und Leiter des Arbeitskreises „Kirche und Tourismus“. Mit vielen Freiwilligen wurde der Weg „gegraben“, wie Hubert Pedevilla sagt, „gegen Gotteslohn“. Davon kündet eine schlichte Holztafel an einem Baum: „Gott zur Ehre, und den Menschen zur Freude und Besinnung.“ Dahinter öffnet sich wie zur Bestätigung der Blick auf ein schönes Alpenpanorama, die Hohe Villerspitze mit beeindruckenden 3.092 Metern. Doch noch führt der Weg durch Wald: In tieferen Lagen dominieren Tannen, ab 1.600 Metern Höhe wachsen überwiegend Zirbelkiefern, in der Schweiz „Arven“ genannt. Die Zirbelkiefer wächst zwar langsam, aber mit ihrem weichen Holz ist sie besonders geeignet für Möbel und Schnitzereien, wie hier bei den Bilderstationen. Die ätherischen Öle im Holz sorgen zum Beispiel bei Schlafzimmermöbeln für tiefen Schlaf. In sonnigen Passagen kann man auch hier ihren wunderbaren Duft wahrnehmen.

Anhalten und innehalten

Nach etwa einer halben Stunde erreichen wir die erste Wegstation: Eine mannshohe Statue mit klaren Formen aus goldgelbem Zirbenholz leuchtet uns in der Sonne entgegen. Ein Symbol der Dankbarkeit und Freude, die man an einem solch schönen Ort mit Blick ins Tal und über die Berge gut nachempfinden kann. Die meis­ten Wegstationen stammen von Hansjörg Ranalter, einem Künstler aus Neustift. Eine Station, ein Kreuz, ist das letzte Werk seines inzwischen verstorbenen Vaters Franz Ranalter. Der Zaun davor, erklärt mir Hubert, sei typisch für das Stubaital: unregelmäßige Stacken aus rohem Lerchenholz, das hart und ungenießbar für Ungeziefer ist. Ein weiterer Künstler aus Neustift hat sich am Besinnungsweg beteiligt: Von Gotthard Obholzer stammt eine Bronzestatue, die unten im Ort Neder auf den besonderen Weg hinweist. Das Atelier des vielseitigen Künstlers steht interessierten Besuchern offen, die von ihm Anregungen in verschiedenster Hinsicht erfahren können.

Genuss kommt nicht zu kurz

Wir gehen ein ganzes Stück auf der Höhe, zwischen Latschenkiefern und Wacholder, die auf den kargen Felsen überleben. Im Sommer kann es hier ordentlich heiß werden. An manchen Stellen spüren wir eine warme Böe den Berg hinaufwehen. Das wissen auch die Paraglider, die wie bunte Insekten in großer Zahl am Himmel kreisen. Der Kesselbach, frisch-gluckernd inmitten der Kalkfelsen, bietet daher eine willkommene Abkühlung. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich, wie Hubert mit genüsslichen Schlucken beweist. Hier kann man an jedem Brunnen trinken, erzählt er mir. Wer bis an des Weges Ende in der Ebene wandert, stillt im Alpengasthaus Issenanger Hunger und Durst bei deftig-heimischer Küche vor herrlichem Bergpanorama.

So gestärkt an Leib und Seele, kann man von hier aus noch weiter durch das Pinnistal wandern. Angenehm flach geht es in dreieinhalb Stunden weiter bis zur Innsbrucker Hütte oder in einer guten Stunde zur Pinnis- oder Karalm. Zeit genug, um die Eindrücke des Tages Revue passieren zu lassen. www.stubai.at

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© Friederike Brauneck

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2013

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