Outdoor: Zwischen Tradition & Trend

Was früher vorwiegend für Abenteurer und Expeditionen entworfen wurde, geht heute auch an jeder Bushaltestelle: Outdoor-Jacken, -Hosen und -Stiefel haben sich verändert im Laufe der Zeit. Und dabei war nicht nur die Mode die entscheidende Kraft.

neuer_name
Hoppla! Aber in den 80ern waren kurze Männerhosen und hoch geschnittener Bund „in“.
© IMAGO/K-P Wolf

Text: Andreas Mayer

Wir schreiben das Jahr 1683. Während die Türken vor Wien stehen, geht im bayerischen Dörfchen Kirchanschöring ein Schumacher seiner täglichen Arbeit nach. Petrus Meindl näht und fertigt: Outdoor-Schuhe. Klar, in den Bergen braucht man auch damals schon festes Schuhwerk. Sein Wissen gibt er weiter an den nächsten Meindl, und so kommt es, dass bis heute, in ununterbrochener Folge, ein Meindl in Kirchanschöring Schuhe macht.

Hans Wagner wurde 1896 im bayerischen Jetzendorf geboren. Wie auch die Meindls lernt er von seinem Vater und Großvater das Schuhmacherhandwerk. Er macht sich selbstständig und eröffnet in Vierkirchen seine erste Werkstatt. Dort stellt er Maßschuhe her und führt Reparaturen durch.

1936 fertigt Hans Wagner für die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen die ersten Skistiefel – aus Leder. Nach dem Krieg gewinnt „Marketing“ langsam an Bedeutung. Hans Wagner will seinem Unternehmen einen „richtigen“ Namen geben und nennt es nach einiger Überlegung „Hawa“. Weil es bereits einen Textilhersteller namens Hawa gibt, muss er das Unternehmen jedoch umbenennen und wählt stattdessen der Einfachheit halber den Namen „Hanwag“.

Auch Hans Wagners Brüder Alfred und Lorenz wurden Schumacher und gründeten eigene Unternehmen mit den Namen „Hochland“ und „Lowa“ (für Lorenz Wagner). Meindl, Hanwag, Lowa – noch heute gehören Schuhe dieser drei Unternehmen zum besten, was Wanderer anziehen können, um perfekt gerüstet zu sein. Tradition wird also großgeschrieben bei fast allen bekannten Outdoor-Marken.

Tradition und Qualität

Auch bei Bekleidungsherstellern: Der Name Schöffel zum Beispiel steht seit mehr als 200 Jahren für Qualität und höchste Innovationskraft. Die in der 7. Generation als Familienunternehmen geführte Firma aus Schwabmünchen bei Augsburg beschäftigt heute rund 200 Mitarbeitern und ist längst international tätig. Die Firma ­Deuter wurde 1898 von Hans Deuter gegründet. Ursprünglich Lieferant für Briefbeutel und Säcke der Königlich-­Bayerischen Post, entwickelte sich Deuter zu einer der renommiertesten Outdoor-Marken weltweit. Heute gehören Rucksäcke, Schlafsäcke und Accessoires zum Produktportfolio der Deuter Sport GmbH. In der Zentrale in Gersthofen arbeiten ca. 80 Mitarbeiter. Mammut ist ein Schweizer Unternehmen, das sich seit 1862 ganz dem Bergsport verpflichtet hat. The North Face wurde 1966 in San Francisco gegründet. Was einst als Einzelhandelsgeschäft für Extremkletterer- und Bergsteigerausrüstung begann, wurde 1968 zur Kreation und Produktion hochwertiger, funktioneller Bekleidung und Ausrüstung unter eigenem Label. Der Name war Programm: The North Face – die Nordwand. Diese gilt unter Bergsteigern als die steilste, eisigste und schwierigste Wand eines Berges.

Schon immer Trend

Wer also meint, Outdoor-Sport sei ein neues Phänomen, der irrt. „Auch früher reichten Turnschuhe und Regenjacke nicht aus. Gute Wanderer hatten schon immer Topmaterial im Einsatz,“ erklärt Philip Renken von Intersport Räpple in Kirchheim/Teck, einem Sporthändler, der ebenfalls auf eine stattliche Tradition zurückblicken kann: Sport Räpple wurde 1911 von der Familie Räpple gegründet. Jürgen Renken übernahm im Jahre 1970 die Firma, seit 2008 teilt er sich die Geschäftsleitung mit seinem Sohn Philip. Das Unternehmen, das seit vielen Jahren Intersport-Mitglied ist, expandierte seither beständig. Die sechste und derzeit neueste Filiale ist das Haus in Leinfelden.

Dennoch habe sich Outdoor-Ausrüs­tung in den vergangenen 30 Jahren sehr stark verändert, erklärt Philip Renken. „Outdoor-Ausrüstung wird nicht mehr nur für Trekkingtouren und Expedi­tio­nen genutzt. Heute trägt man Funktionsjacken und -schuhe auch im Alltag. Marken wie McKinley können dazu beitragen, Outdoor zu einem Naturerlebnis für jedermann zu machen.“ Die Eigenmarke der Intersport-Gruppe feiert in diesem Jahr ihren 30. Geburtstag. „Vor allem Familien schätzen die funktionale und strapazierfähige Outdoor-Kleidung von McKinley in attraktiven Preis­lagen,“ weiß Philip Renken.

Modesünden und Materialien

Outdoor ist also auch Mode. Und hier gab es in den vergangenen 30 Jahren natürlich auch so manchen Sündenfall. Zumindest aus heutiger Perspektive. Denn damals waren kurze, enge Shorts auch für Männer „in“. Ebenso taillierte Jacken. Und die schrillen 80er hinterließen auch bei T-Shirts, Jacken und Hosen ihre Spuren. „Vor 30 Jahren war unter anderem ja auch Surfen total angesagt. Die Farben waren schriller, und im Bereich Mode galt das Motto „Think pink“, erklärt Renken. Und während früher selbst Bergsteiger schon mal in Baumwolle bis zum Gipfel kletterten, hat sich auch beim Material einiges getan: „Das Thema Softshell als Vorreiter für eine ganze Generation neuer, vielseitiger Materialien ist für mich eine echte Revolution gewesen. Dieser Materialtyp hat es erstmalig geschafft, vielerlei verschiedene Vorteile zu kombinieren, und die Türe zu einer neuen Welt im Bereich der Stoffe aufgestoßen. Allgemein gilt: Ob Schuhe, Bekleidung oder Ausrüstung – in Hinblick auf die Funktion hat sich in allen Bereichen in den vergangenen Jahrzehnten einiges getan. Im Textilbereich sind das ganz klar die Wasserdichtigkeit, die Atmungsaktivität und die Leichtigkeit. Bei Schuhen ebenfalls Leichtigkeit und beste Sohlenhaftung.“

Neben der Softshell-Membran ist es vor allem die US-Firma W.L. Gore, die mit ihrem „Gore-Tex“ die Outdoor-Welt verändert hat. Bob Gore, Student an der Universität von Delaware, schlägt schon 1957 die Verwendung von Polytetrafluorethylen (PTFE) zur Isolierung von Drähten vor. 1972 wird die erste „Gore-Tex“-Faser hergestellt, 1976 erhält Gore den ersten kommerziellen Auftrag für Gore-Tex-Gewebe – das erste wasserdichte und atmungsaktive Textil. Die US-Marke Early Winters wird zum ers­ten Kunden. Der Early-Winters-Katalog von 1977 preist seine Gore-Tex-Regenbekleidung an als „das wahrscheinlich vielseitigste Kleidungsstück, das Sie ­jemals tragen werden“.

Mittlerweile schützt das Material Jacken, Hosen und Schuhe auf der ganzen Welt. Die Technologie ist so bekannt, dass es tatsächlich Käufer geben soll, die im Outdoor-­Laden einen „Gore-Tex-Schuh“ wollen und sich nicht nach dem eigentlichen Schuster erkundigen. „Heute wechseln Trends sehr schnell, da wir ständig mit Neuem konfrontiert werden. Trends werden kreiert, Internet und Fernsehen verbreiten sie in Windeseile. Finden sie Nachahmer, die Spaß an der Sache haben, besteht die Chance, dass der Trend sich nachhaltig etabliert.“

Jünger und umweltbewusster

Die Kunden seien im Vergleich zu damals allerdings wesentlich umweltbewusster geworden. „Und der Outdoor-Kunde von heute ist technisch wesentlich versierter als früher. GPS-Navigationsgeräte und Actioncams gehören heute zur Ausrüstung dazu“, weiß Renken. „Auch klassische Wanderer zählten früher zur älteren Generation, heute trifft Outdoor viel mehr auch den Geist der jüngeren. 20-Jährige begeis­tern sich für Klettern und Wandern – die Freizeit in der Natur zu verbringen liegt im Trend. Den typischen Wanderer gibt es nicht mehr – die Zielgruppe ist vielschichtiger geworden. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum die Outdoor-Branche in den letzten Jahren diesen Boom erlebt hat.“

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2014

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

Zur Zeit liegen keine Events vor …