Zwischen Schönheit und Schrecken

Abraumhalden folgen auf malerische Wiesen, Deponien auf idyllische Täler: Der 800 Kilometer lange­ „Denkweg“ bietet extreme Kontraste – und will so Anstöße zum Nachdenken über unsere Lebensweise geben. Gegründet hat ihn ein echter Zu-Fuß-Experte: der Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar.

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Passionierter Spaziergänger: „Denkweg“-Gründer Bertram Weisshaar.
© Thomas Eichler

Text: Simon Tenz

Bertram Weisshaar hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Der im Jahr 1962 geborene Leipziger ist nicht nur Landschaftsplaner und Fotograf, sondern auch Spaziergangsforscher. Auf die auch „Promenadologie“ genannte Wissenschaft stieß er während seines Studiums der Landschaftsplanung in Kassel. Dort lehrte der Basler Soziologe Lucius Burckhardt als Teil des Fach­bereichs Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung die von ihm und seiner Frau begründete Spaziergangswissenschaft – und beeindruckte Weisshaar nachhaltig. Inzwischen ist der damalige Student selbst eine Koryphäe seines Fachs. Im vergangenen Jahr rief er den „Denkweg“ ins Leben, einen – wie er es nennt – atheistischen Pilgerweg. Dabei sollen allerdings nicht religiöse Aspekte ausgegrenzt, sondern vielmehr ökologische Themen in den Mittelpunkt gestellt werden. „Ich gehe der Frage nach, wie sich der ökologische Fußabdruck im Diesseits, in der Landschaft, in den Dörfern und Städten abbildet“, sagt er. „Nur zu Fuß erschließt sich das Spazierwissen und jene Schönheit, die in der Vielfalt der Wege gründet.“

800 Kilometer Weg von West nach Ost

Beim „Denkweg“ handelt es sich um eine 800 Kilometer lange Fernwanderstrecke, die im buchstäblichen Sinn von A nach Z führt: von Aachen im tiefsten Westen bis nach Zittau an der polnisch-tschechischen Grenze fast am östlichsten Punkt Deutschlands. Weisshaar hat diese Strecke so konzipiert, dass beim Wandern nur wenige touristische Sehenswürdigkeiten passiert werden. Vielmehr führt der „Denkweg“ an denkwürdigen Orten vorbei, die zum Sinnieren und Philosophieren einladen. Für sein Projekt erhielt Weisshaar ein halbjähriges Stipendium von der Kulturstiftung Sachsen, was die Umsetzung ­erleichterte. Der Wanderer begibt sich ­unweigerlich auf eine Reise „zwischen Schönheit und Schrecken“, wie Weisshaar es gerne ausdrückt. Im Wesentlichen ­verläuft die Route abseits von Straßen durch Naturschutzgebiete, entlang ­historischer Bauwerke und durch malerische Täler. Die einzelnen Strecken orientieren sich an zertifizierten Fernwanderrouten. Innerhalb von acht bis neun ­Wochen ist der Pilgerweg gut zu bewältigen. Trotz seiner beeindruckenden Länge gibt es keine besonderen konditionellen ­Voraussetzungen, der Streckenverlauf ist weitgehend flach. Der Wanderer hat dabei genügend Zeit, über sein Leben und vor allem die Art und Weise des Lebens auf der Erde nachzudenken. „Was richten wir auf dieser Erde so an?“, fragt sich Weiss­haar und gibt diese Frage gleich an alle weiter. Der „Denkweg“ führt deshalb auch zu den weißen Flecken in der Landschaft, zur Rückseite unseres Lebensstils. Neben malerischen Waldgebieten und ausgedehnten Wiesen von idyllischer Schönheit passiert der Wanderer auch Abraum- und Salzhalden, Deponien, Monokulturen, Braunkohlegruben, einen stillgelegten Atom­meiler sowie intensiv genutzte Flure. Während die Aussicht von einer Salzhalde fantastisch sein kann, wird doch gleichzeitig klar, dass diese Art der Landschaft nicht natürlich ist. Es ist oftmals eine groteske Schönheit, die sich dem Wanderer offenbart. Diese weißen Flecken sind „kritische Landschaften“, die ebenso zu unserem Land gehören wie die viel gezeigten Sehenswürdigkeiten. „Diese Erfahrung war für mich tief berührend und motivierend, weiterzugehen und andere Wege zu suchen“, sagt Weisshaar.

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Verdrängte Natur: Landschaften wie diese beim Kraftwerk ­Niederaußem (NRW) ­regen zum ­Nachdenken an.
© Bertram Weisshaar

Ermutigende Erkenntnisse während des Pilgerns

Weiss­haar erlebte bei seiner „Begehung“ des Weges aber auch viel Ermutigendes. Orte, die Kraft spenden und den Geist erfreuen. Kurz nach dem Start in ­Aachen erreicht der Wanderer zum Beispiel eine 700 Jahre alte Linde im Stadtteil Forst. Dieser Baum strahlt etwas ganz Besonderes aus und erzeugt eine mystische Stimmung. Für diesen wie für andere Orte gilt aber: Es ist ein Unterschied im Erleben, ob man einen Ausflug mit dem Auto dorthin unternimmt oder als Spaziergänger beziehungsweise Wanderer dort anhält. Das Gehen löst bereits rein körperlich Denkanstöße aus, erklärt Weisshaar, den unter anderem die Methode „Gehen, um nachzudenken“ seines früheren Kasseler Lehrers Burckhardt stark inspiriert hat. Der 1925 geborene und 2003 verstorbene Soziologe begründete in den 1980er-Jahren die Spaziergangswissenschaft. Sein Ausgangspunkt war die Frage, was Landschaft und Stadtbild eigentlich seien. „Landschaft findet im Kopf statt“, war eine der zentralen Aussagen Burckhardts. Weiss­haar selbst wuchs in Villingen-Schwenningen im Schwarzwald auf – dass er dort stets vom Auto abhängig war, ärgerte ihn. Regelmäßig brach er aus dem Alltag aus und beobachtete die Landschaft genau: „Man entdeckt Dinge, die man nicht für möglich hält“, sagt Weisshaar. In ihm wuchs damals schon der Unmut über die Geringschätzung von Entfer­nun­gen. Reisende konzentrierten sich nur auf das Ziel, der eigentliche Weg werde gar nicht bewusst wahrgenommen, meint er. Wer auf Weisshaars „Denkweg“ quer durch Deutschland wandert, hat ausreichend Gelegenheit für eine bewusste Wahrnehmung. Viele Stationen der Pilgerstrecke präsentieren sich ambivalent: Sie erscheinen auf den ersten Blick schön und anmutig, haben bei genauerem Hinsehen aber auch ihre Schattenseiten. Besonders eindrücklich waren für den Spaziergangsforscher die Erfahrungen am Rothaarsteig. Drei Tage lang geht es ausschließlich durch Wald. Auf den 55 Kilometern, die er dem Rothaarsteig folgte, quert dieser nur fünf Mal eine Straße. Ein schönes Erlebnis, inmitten der Natur und fern jeglicher Zivilisationsgeräusche. Keinen Lärm zu hören sei in ­unserem technisch entwickelten Land ungewohnt, aber ungemein entspannend, berichtet der 54-Jährige. Auf der anderen Seite ­bestehe der Rothaarsteig im Wesentlichen aus Fichten und sei eine „quadratkilometerweite Monokultur“, die den Wanderer auch langweilen ­könne. Doch gerade solche Ambivalenzen regen auch zum Nachdenken an, findet ­Weisshaar. Für Weisshaar ist der Denkweg im Übri­gen noch lange kein abgeschlossenes Projekt. Er arbeitet daran, den Streckenverlauf zu verfeinern, um möglichst viele Nachahmer für diese Wander- und Denkerfahrung zu begeistern. Aktuelle Informationen vermittelt er auf seiner Internet- und seiner Facebook-Seite, Tipps zu Speiselokalen und Übernachtungen sollen folgen. Außerdem schreibt der Baden-Württemberger an einem Buch, das noch in diesem Jahr erscheinen soll.

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Die Salzhalde "Monte Kali"
© Bertram Weisshaar

Die Schönheit der Abraumhalde

Möglicherweise wird darin auch von einem seiner persönlichen Highlights des „Denkwegs“ zu lesen sein. „Kritische Landschaften“ faszinieren den Spaziergangsforscher besonders. Als buchstäblich herausragendes Beispiel für eine solche nennt Weisshaar die Salzhalde „Monte Kali“, die sich an der hessisch-thüringischen Grenze befindet. Die Abraumhalde aus rund 150 Millionen Tonnen aufgeschüttetem Abraumsalz hat eine Fläche von 55 Hektar und wächst um 800 Tonnen pro Förderstunde an. Bereits 1973 begann die Aufschüttung, über 10.000 Besucher erklimmen jährlich den künstlichen Berg. Insgesamt ragt der Kaliberg rund 200 Meter in die Höhe. „Die Füße sinken ein wie im Sand, und von oben hat man einen herrlichen Ausblick über die Landschaft“, schwärmt Weisshaar. Gleichzeitig werde man sich aber bewusst, dass der Berg nicht auf natürliche Weise entstanden sei. „Schönheit und Schrecken liegen manchmal eng beiein­ander“, fasst der ­Spaziergangsforscher zusam­men. Die reizvolle Spannung, die das Aufeinandertreffen dieser beiden Pole bietet, können neugierige und denkfreudige Wanderer auf Weisshaars "Denkweg" in einzigartiger Weise erleben.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2016

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