Die Stadt bleibt draußen

Rothenburg mal anders: Seit 2020 inszeniert sich die Mittelalter-Perle an der Tauber als hinreißende Gartenstadt. Privatleute laden dazu ein, hinter die bunten Fachwerkfassaden zu blicken und ein völlig unvermutetes grünes Paradies zu entdecken.

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Ein wildes naturbelassenes Paradies, in dem sich allerlei "Viecher" tummeln dürfen, haben Benny und Dieter Babel geschaffen.
© Alexa Christ

Text: Alexa Christ

Von den Holzbienen haben wir bestimmt 40 Stück – die haben sich unseren Apfelbaum gekapert“, erzählt Dieter Babel stolz und deutet auf ein paar Schlitze im Stamm, in die die pummeligen Tierchen ihre Nistgänge gebaut haben. „Meinen Blindschleichen geht es auch gut. Noch heute habe ich zwei gesehen, die sich gepaart haben“, fügt Dieter hinzu, während Ehemann Benny aufzählt, was sonst noch so in ihrem Garten kreucht: Igel, Rehe, Nattern, Buntspechte, Finken, Meisen und ein Waschbär. Die Tiere lieben die verwunschenen Terrassen, die sich an die Stadtmauer von Rothenburg ob der Tauber schmiegen. 1924 hatte die Bäckersfamilie Striffler – Traditionshaus, Friedrich Striffler buk als erster die berühmten Rothenburger „Schneeballen“ – den Garten von der Stadt erworben und hier vor allem Obst angebaut. Leckere Himbeeren, Kirschen, Zwetschgen und Äpfel für Kuchen, Plunder und Co. Als sich die alten Strifflers vor ein paar Jahren nicht mehr imstande sahen, den Garten weiter zu pflegen, übernahmen Dieter und Benny Babel. Da war alles halb verwildert – und das ist es in großen Teilen noch. „Ich will den Garten so naturnah wie möglich“, erklärt Dieter. „Ich setze keine neuen Pflanzen, sondern versuche, die alten wieder hervorzuholen, und ich lasse Äpfel auch mal liegen. Dann freuen wir uns im nächs­ten Jahr über noch mehr Viecher.“ Seit dem Frühjahr 2020 sind die Babels Teil der „Rothenburger Gartenparadiese“, die zwischen Mai und September nach Voranmeldung Einblick in insgesamt 16 Privatgärten gewähren. Versteckte Kleinode, die man hinter der Fachwerkpracht, mit der Rothenburg weltweit assoziiert wird, oft gar nicht vermuten würde.

Gute Aussichten für Maler

Der Strifflergarten liegt besonders malerisch oberhalb des Weinbergs An der Eich und gleich unterhalb der Aussichtsplattform am Burggarten. Lange Zeit wurde auf dem Areal tatsächlich Wein angebaut – eine uralte historische Rebe ist noch erhalten und klettert in aller knorzigen Schönheit die Stadtmauer empor. „Die ist mir heilig“, betont Benny, derweil Hund Helmuth wieselflink durch die Gräser düst und Dieter sich daran erfreut, dass der Riesenmohn so schön blüht und die Knoblauchrauke gedeiht und überhaupt die winzigen lila Blümchen so üppig sprießen, die da die Steintreppe hochkriechen ... „Benny, wie heißt das Zeug noch mal?“, ruft er einmal quer rüber. Bei den Babels geht es unprätentiös zu, wobei die Aufgaben im Garten klar verteilt sind: Dieter hegt und pflegt, während Benny kommentiert. Alle zwei Jahre lassen sie die Terrassen mit dem herrlichen Blick ins Taubertal von einem professionellen Lichtkünstler illuminieren, laden Musiker ein – Martha Wash von den Weather Girls war schon da – und feiern eine große Gartenparty. Dann wird natürlich auch das pittoreske Teehäuschen (ca. 1879) am Rand des Gartens, in dessen Nähe die Quitte grade so zinnoberrot blüht, perfekt in Szene gesetzt. 1928 wohnte dort ein englisches Fräulein – Geigenspielerin – und brachte Zwiebeln der wilden Schneeglöckchen mit, die sie rundum einpflanzte. Rothenburger Maler nutzten das safrangelbe Häuschen lange Zeit als Atelier. Überhaupt die Künstler! In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sorgten sie für einen wahren Rothenburg-Hype. William Turner kam und malte das Taubertal in flüchtigem Aquarell, Carl Spitzweg schwärmte von dem „mit Ringmauern umgebenen gotisch-schwäbischen Nestlein“, Wassily Kandinsky fertigte Bilder der „Alten Stadt“ an. Viele englischsprachige Maler verfielen dem Zauber des grünen Mittelalter-Idylls – etwa der Brite Elias Bancroft, der regelmäßig kam. Oder sein Landsmann Arthur Wasse, der gleich ganz nach Rothenburg zog und bis zu seinem Lebensende blieb, um jeden noch so romantischen Winkel in Öl und Pastell einzufangen – etliche ­Gartenmotive inklusive.

Ruheort inmitten der Altstadt

Ob es den Mann aus Manchester auch mal in den Garten der Kistenfegers verschlug? Das schöne Handwerksschild an der Fassade des Hauses in der Wenggasse erinnert daran, dass die Familie einst der Messerschmiedekunst nachging – Curd Jürgens zählte zu den Kunden. Hinter dem dreiteiligen Fachwerkbau in Himmelblau, Zitronengelb und knalligem Orange erstrecken sich 800 m² Gartentraum. Hilde ­Kistenfegers Reich. Die 63-jährige ehemalige Förderlehrerin übernahm den Garten vor knapp 30 Jahren von den Schwiegereltern. „Eigentlich hatte ich gar kein Interesse an Gartenarbeit, aber nach dem Tod meines Schwiegervaters musste sich ja jemand kümmern“, sagt sie und fügt hinzu: „Außerdem hatten meine Schwiegereltern so eine schöne Ruhekultur. Da wurde jeden Tag im Garten Kaffee getrunken, das hat mir gefallen.“ Kein Wunder also, dass auch Hilde etliche kleine Wohlfühloasen geschaffen hat – ein Liegestuhl hier, runde Tischchen und Stühle dort. Eine romantische grüne Gartenlaube hat sie von einer älteren Dame bekommen. Jede Ecke bietet einen grandiosen Blick auf den Anfang des 14. Jahrhunderts erbauten Faulturm, der Teil der Stadtbefestigung ist. Knapp 100 Rosen blühen im Kistenfeger-Garten, dazu kommen Königskerzen und Iris, viele Pfingstrosen und „jede Sorte Unkraut, die man sich vorstellen kann“, scherzt die Frau, die übers Jahr gesehen mindestens eine Stunde täglich im Garten arbeitet. Putten aus Italien und Buddha-Figuren aus Asien sollen sie beruhigen, wenn sie mal wieder zu arg schuftet und Ehemann Otmar auf die Nerven geht, weil sie ihn beim Rasenmähen ermahnt, wo er drauftreten darf und wo nicht.

Ein Garten voller Kunst

Der Rasen ist auch so ein kleines Konflikt-Thema bei Luise Limburg und Martin Sinn. „Ich mag Blümchen im Gras, Martin liebt diese ollen englischen Rasen“, klagt die Grafikdesignerin, die vor vier Jahren zu ihrem Partner, einem Galeristen, gezogen ist. Die beiden umsorgen den Garten des Wittgenstein-Hauses, eines ehemaligen Patrizier-Gebäudes, in dem Kaiser Friedrich III. 1474 mitsamt Gefolge eine Woche lang Quartier nahm. Der für die Herrengasse ­typische Innenhof mit anschließendem Garten wurde erst vor ein paar Jahren wieder begehbar gemacht. Limburg und Sinn nutzen ihn vor allem als Spielbühne für moderne Kunst: Stahlkunstwerke des Bildhauers Herbert Mehler, Metallobjekte von Angelika Summa, Skulpturen von Sonja Edle von Hoeßle. Dazwischen sowie drumherum: zwei alte Apfelbäume und ein Pracht-Birnbaum, Tulpen, Efeu und Farne. Eine Glyzinie rankt das ockerfarbene Mauerwerk empor. Störche fliegen zum Nest auf dem Dach gegenüber. Die Rosen machen Luise in diesem Frühjahr Sorgen – der Mai war so kalt. „Dann hat Martin sie auch noch in einem Anfall von, ich weiß nicht was, geschnitten. Mal schauen, wie sie sich noch entwickeln“, sagt die 70-Jährige, die selbst auch malt und den Garten als ihr persönliches Refugium genießt. Wie schön, dass sie Besucher hineinlässt. Die schwärmen, wie toll es sei, Rothenburg mal ganz anders zu erleben – als pittoreskes Gartenparadies.

Info

Zu den Führungen durch die Privatgärten der Stadt ist eine Voranmeldung mindestens sieben Tage vor dem gewünschten Termin erforderlich unter

garten@rothenburg.de. Welche Gärten teilnehmen, entnimmt man der Broschüre „Rothenburger Gartenparadiese“. Erhältlich bei der Touristinfo oder als Download hier.

Diese Geschichte finden Sie in der Wanderlust 3/22, hier zu bestellen.

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