Krimi am Reschenpass

Auf den ersten Blick ist er ein wahres Postkartenmotiv, der Kirchturm mitten im See. Wer aber etwas genauer ­hinschaut, ist von der Szenerie seltsam berührt. Wie kam der ­Kirchturm bloß dorthin?

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Idyllische Ansicht, traurige Geschichte: Die geflutete Kirche mitten im zugefrorenen Reschensee.
© PR

Text: Ralf Scholze

Wir befinden uns am ­Reschensee, malerisch im Dreiländereck Italien-Österreich-Schweiz gelegen. So male­risch, dass er jedes Jahr Zehntau­sende Wanderer anlockt, die dort die schönste Zeit des Jahres verbringen wollen. Weil der Kirchturm im See fast direkt am Reschenpass liegt, genießt er zusätzlich noch fast jeden Tag die Aufmerksamkeit etlicher Tausend Autofahrer, die hier kurz Halt machen, die Kamera oder das Handy zücken: „Klick!“, macht’s dann, vielleicht noch ein zweites Mal „Klick!“, dann ein Selfie mit der ganzen Familie, ein Butterbrot, ein Schluck Tee, dann aber weiter.

Und da sind jene, die einst die Kirche besucht haben, die zu dem Turm im See gehörte. Die in dieser Kirche getauft wurden, heirateten, ihre Kinder taufen ließen, sich dort von den verstorbenen Verwandten verabschiedeten, im Stillen beteten oder katholische Messen feierten. Auch wenn es nicht mehr viele sind, die aus erster Hand die Frage beantworten könnten: „Wie kommt der Turm in den See?“

Für eine genaue Antwort bedarf es etwas­ Detektivarbeit. Es gilt, einer Geschich­te und einigen der letzten noch lebenden Zeitzeugen nachzuspüren. Eine typische Südtiroler Geschichte, eine Geschich­te über Macht und Ohnmacht, über Krieg und Frieden … Vielleicht hat man auch Glück und trifft im Ort Reschen im Gasthof „Schwarzer Adler“ auf Ludwig Schöpf, pensionierter Lehrer und begeisterter Erzähler. Vom einstigen Pfarrer ­hatte Ludwig Schöpf den Auftrag erhalten, die Geschichte vom Reschensee weiterzu­erzählen, ­damit sie niemals in Vergessenheit gerät.

Und die geht so: Einst lagen hier, am Rande einer Hochebene, drei ­Dörfer: ­Reschen, Graun und St. Valentin. ­Uralte Schwarzweißaufnahmen an den ­Wänden des Wirtshauses erinnern an die ­glücklichen, sorglosen Zeiten; erinnern an drei kleine, idyllisch gelegene Bergseen, den Reschensee, den Haidersee und den ­Mittlersee.

Mussolinis Pläne

Pläne, diese Seen aufzustauen, um Strom zu gewinnen, gab es schon zur österreichischen Kaiserzeit. Nur ging es damals um ein paar Meter, also um eine Größenordnung, die man wohl irgendwie verkraftet hätte. Dann kamen die Angliederung an Italien und der italienische Faschismus. Mussolini verwandelte Bozen in einen gewal­tigen Industriekomplex, insbesondere den ländlichen Teil. Für die neu geschaf­fene Industrie­zone wurden Tausende Arbeiter aus Sizilien und dem südlichen Festland angeheuert. Der Strom für den neu errichteten ­Industriekomplex sollte aus dem ­Vinschgau ­kommen.

Man merkt Ludwig Schöpf den Ärger förmlich an, sieht ihn sich in seinen sonst ruhigen Gesichtszügen ankündigen, wenn er die uralten Geschichten erzählt: „Am 30. Juni 1939 wurden die Pläne an der Gemeindetafel von Graun ausgehängt, inmitten anderer Bekanntmachungen der Gemeinde Graun“, weiß er. „Dazu war die Bekanntmachung auch noch auf Italienisch verfasst, und den eigentlichen Casus knacksus – die Stauhöhe, ha! –, den verriet man den Betroffenen natürlich nicht!“

Der Vertrag? Eine Farce!

Die ursprünglich geplante Stauhöhe von maximal fünf Metern hätte niemanden aus der Umgebung sonderlich beunruhigt.­ Doch diese fünf Meter waren­ längst Geschichte. Der „Duce“ wollte 22 Meter Stauhöhe – dass dies den kompletten Untergang von Graun und zumindest eines Großteils von Reschen bedeutet hätte, das war Benito Mussolini schlicht und einfach egal.

Die Pläne zur Staumauer in italienischer Sprache bekannt zu machen, das funktionierte wie geschmiert – aus Musso­linis Sicht. So gut wie niemand verstand die Sprache. Nach einer Zweiwochenfrist meldete der faschistische Gemeinde­sekretär stolz nach Rom, dass niemand Einspruch erhoben hätte. „Eine Farce!“, ruft Schöpf, und manch ein Gast im „Schwarzen Adler“ dreht sich nach ihm um. So etwas­ war ­eigentlich sogar im faschistischen Italien gesetzeswidrig. Trotzdem ermächtigte das zuständige Ministerium in Rom den Konzern Montecatini am 6. April 1940 zum Baubeginn. Man erklärte die Arbeiten sogar für dringend und unaufschiebbar.

Die Besetzung von Norditalien durch die Wehrmacht im Jahr 1943 sorgte für ein vorläufiges Ende der Bauarbeiten: Die deutschen Besatzer hatten andere Sorgen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dachte die Bevölkerung am Reschenpass, dass sie in puncto Stausee erst einmal ihre Ruhe hätten. Weit gefehlt.

Folgenschwerer Deal

In Splügen und Medels in der Schweiz läuteten am 29. November 1946 die Kirchenglocken besonders lange. Hatte doch die Schweizer Regierung das geplante Stauseeprojekt Rheinswald regelrecht abgeschossen. Die beiden romantischen Dörfer an der San-Bernardino- und an der Splügenpassroute waren vor der Überflutung gerettet. Mit dem Wegfall dieses Staudammprojektes fehlte den Schweizer Energieversorgern aber Strom, besonders im Winter. Die Lösung schien relativ einfach, gab es doch auf der anderen Seite der Grenze den italienischen Bergbau- und Energiekonzern Montecatini mit ziemlich leeren Kassen. Er stand sozusagen kurz vor der Pleite.

Still und heimlich schloss man einen folgenschweren Deal ab. Ein Konsortium von sechs Schweizer Energieversorgern schickte viel Geld nach Italien, Geld, das ab dem 1. November 1949 in Form von günstigem Winterstrom zurückgezahlt werden sollte. Im Frühjahr 1947 wurden die Arbeiten am Staudamm wieder ­aufgenommen.

7.000 überwiegend in Süditalien ange­worbene Arbeiter schufteten rund um die Uhr am Staudamm. Nach zwei Jahren wurde eine erste Probestauung durchgeführt, im Sommer 1950 dann die Vollstauung. Langsam, aber stetig staute sich das Wasser, breitete sich immer weiter aus. Wiesen und Äcker versanken im kalten Nass, ohne dass die Bauern die Chance hatten, noch schnell das Heu einzubringen. Von der Ernte auf den Feldern ganz zu schweigen. Als das Vieh in den Ställen im Wasser stand und schrie, erst da wurde­ die Bevölkerung aufgefordert zu gehen. Die „Entschädigungszahlungen“ waren verschwindend gering. Die Bauern waren­ ruiniert, denn nirgendwo gab es freie ­Flächen für einen Neuanfang.

Wasser unter den Kirchbänken

Zur letzten Frühmesse waren die Leute noch trockenen Fußes in die Kirche gekommen. Während der Messe lief das Wasser schon unter die Kirchenbänke. Nach der Messe kam man nicht mehr durch die Kirchentür hinaus. Stattdessen mussten sich die schockierten Messebesucher durch die Sakristei zwängen, um die Kirche verlassen zu können.

Sämtliche Gebäude von Graun und dem überfluteten Teil von Reschen, die Kirche eingeschlossen, wurden gesprengt. Nur der etwas abseits stehende Kirchturm, dessen Geschichte bis auf den Anfang des 14. Jahrhunderts zurückging, blieb stehen. Der Kirchturm wurde auf Geheiß des Denkmalamts

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Unheimlich: Nur der Kirchturm überlebte die Flutung, alle anderen Gebäude des Dorfes wurden gesprengt (Aufnahme von 1950).
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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2016

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