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Englands wilde Seite

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Der beeindruckende Hadrianswall lädt zum Sinnieren über die Zeit der Römer ein.
© Daniel Elke

Das ländliche England lockt seine Besucher bekanntermaßen mit idyllischen Dörfern und britischer Lebensweise. Durch den Fernwanderweg „Pennine Way“ kann aber auch das Wilde und Ursprüngliche der Inselmitte entdeckt werden.

Text & Fotos: Cerstin & Daniel Elke

Es ist der Abend unserer ers­ten Etappe auf dem Pennine Way. Erschöpfung hatte sich schon am Mittag bemerkbar gemacht, und nun nagen Schmerzen, Hunger, Kälte und das berühmte englische Wetter an der Motivation, am nächsten Tag weiter zu gehen. Der Regen nimmt zu und die Flüche mit ihm, als wir endlich unsere Unterkunft in Middleton-in-Teesdale erreichen. Es herrscht kein Zweifel mehr: Die nächsten Tage werden definitiv eine körperliche Herausforderung. Aber eben diese suchen viele Wanderer gerne bei der Wahl ihres nächsten Reiseziels. So stellte sich auch meiner Frau und mir die Frage: Wohin mit dem Bewegungsdrang im Freien? Welche Strecke wollen wir gehen, und wie passt sie zeitlich in unseren Urlaub? Wir wollten schon länger mal einen Fernwanderweg gehen und dabei auch gerne England erkunden, doch dieser Wunsch passt in Gänze nur selten in den Urlaub eines tüchtigen Arbeitnehmers.

Möchte man den Pennine Way von Anfang bis Ende erwandern, so werden dafür im Durchschnitt drei Wochen benötigt. Aber wir wollen uns dennoch nicht abhalten lassen. Wir möchten die Pennines erkunden. Ein Mittelgebirge, das auch gerne als das „Rückgrat Englands“ bezeichnet wird. Über 400 Kilometer ziehen sich die Hügel im Zentrum der Insel bis hinauf zur Grenze Schottlands. Wir fliegen nach Newcastle, steigen in den Zug bis Darlington, fahren von dort mit dem Bus nach Barnard Castle und steigen hier, bei Bowes, in der Mitte des Pennine Way ein. Bevor wir überhaupt einen Meter auf dem Wanderweg gelaufen sind, werden wir schon mit einer der großen Herausforderungen konfrontiert – es gibt kaum Übernachtungsmöglichkeiten direkt am Weg, und Zelten ist nicht überall möglich. Die Route führt durch teils menschenleeres Terrain und ist auch oft fernab jeglicher Infrastruktur, sodass die wenigen Hotels, Bed-and-Breakfasts und Jungendherbergen schnell ausgebucht sind.

Mitten durch die Schafe

In Barnard Castle haben wir eine Unterkunft gefunden und bleiben eine Nacht, bevor wir starten. In dem kleinen Städtchen vertreiben wir uns die Zeit beim Besuch der Burgruinen und der Gärten des Bowes Museum, das eher wie ein Schloss als wie ein Museum wirkt. Und natürlich stärken wir uns mit Fish and Chips, getreu dem Motto: „Wenn du in Rom bist, verhalte dich wie die Römer“. Aber auf die Römer kommen wir später noch zu sprechen. Wir fahren am nächsten Tag ein kurzes Stück mit dem Bus in das Dörfchen Bowes und folgen ab hier den Schildern mit der Eichel, dem Kennzeichen der National Trails und des Pennine Way. Die ersten Kilometer gehen wir einen Pfad, der uns an malerischen Farmen und Weideflächen vorbeiführt. Und dann beginnt das Abenteuer für uns, die wir vom deutschen Schilderwahn verwöhnt sind. Die Eichel weist uns den weiteren Weg über eine kleine Treppe, die eine der so typischen Steinmauern übersteigt. Am anderen Ende begegnen wir zum ersten Mal unseren stetigen Begleitern auf dem ganzen Wanderweg: Schafen.

Wir stehen mitten auf einer Schafweide und erkennen einen dünnen, ausgetrampelten Pfad durch die Wiese. Kann das stimmen? Ja, auch dies ist eine der vielen Herausforderungen, die der Weg mit sich bringt. Kompass und Karte sind unerlässlich. Wir haben uns für die digitale Variante entschieden und ein GPS-Gerät mitgebracht. Ein kurzer Check bestätigt, dass wir richtig sind. Wir folgen dem Pfad und werden in nächster Zeit keine weiteren Markierungen mehr sehen.

Es gibt Passagen auf dem Weg, da ist es sogar lebenswichtig, den Kurs zu halten. Nach kurzer Zeit machen uns Schilder darauf aufmerksam, dass wir uns am Rande eines Truppenübungsplatzes der britischen Armee befinden und nicht vom Weg abkommen sollten. Verdächtige Gegenstände am Wegesrand sollte man auch nicht aufheben, da diese explodieren könnten ... Unsere Schrittzahl erhöht sich rapide. Es verwundert nicht, dass die Armee sich diese Region für ihre Manöver ausgesucht hat. Die Bevölkerungsdichte ist hier wirklich gering, und die wenigen Dörfer liegen sehr abgelegen. Wie abgelegen, hat sich erst im letzten Winter ­gezeigt, als in dem direkt am Pennine Way ­gelegenen einsamen Pub „Tan Hill Inn“, 61 Gäste samt einer Oasis-Coverband für ganze drei Tage eingeschneit wurden. Hier sollen ganz besondere Freundschaften entstanden sein.

Den Wind im Rücken

Unser Weg führt von Süden nach Norden, was auch jeder Reiseführer so empfiehlt, da die Winde und Wettereinflüsse den umgekehrten Weg massiv erschweren würden. Das Wetter schlägt um. Es regnet, nein, es schüttet. Wir haben gerade einen Teil der knapp 20 Kilometer hinter uns gebracht und sind nass. Der Rucksack wird schwer, und die Schritte im aufgeweichten Boden brennen in den Beinmuskeln. Wir folgen weiter dem gerade noch erkennbaren Pfad in der Wiese und halten kurz inne. Wir drehen uns umher und stellen fest, dass wir mitten im Nichts sind. Nur eine Graslandschaft in allen Richtungen bis zum Horizont. Der einzige Beweis für die Existenz anderer Menschen und deren Wirken ist der kleine Pfad, auf dem wir stehen. Beeindruckend. Wir gehen weiter und verpassen fast, den Ausblick auf den Goldsborough Carr zu bestaunen, einer Felsformation mitten in unendlichen Wiesen. Der Wind, die Nässe, die unbefestigten Wege, all dies saugt über die Beine die Kraft aus unseren Körpern. Wie in Trance erreichen wir unsere Unterkunft in dem Marktstädtchen Middleton-in-Teesdale und finden nach einem deftigen Abendessen in einen traumlosen und komatösen Schlaf. Erst am anderen Tag kommt die Erkenntnis über das Erlebte und die einzigartige Landschaft hier. So rau und anspruchsvoll sie auch sein mag, so faszinierend und ursprünglich hat sie uns auch in ihren Bann gezogen. Die Strapazen sind vergessen, und nach einem deftigen „Full English Breakfast“ wollen wir mehr sehen und erleben.

Die Fitness der Alten

Es geht nach Langdon Beck. Wir folgen dem Fluss Tees vorbei an kleinen Dörfchen und großen Steinbrüchen, durchqueren kleine Wäldchen und klettern über unzählige Steinmauern. Wir machen Halt an den High-Force-Wasserfällen und erreichen nach einem weiteren verregneten Tag das Dörfchen Langdon Beck. Um es deutlich zu machen, ist das Wort „Dörfchen“ noch übertrieben. Wir reden hier von einer Handvoll Häusern, verteilt in einer weitläufigen Landschaft östlich des Tees. Hier finden wir, besser gelaunt und euphorischer als am Vortag, eine Unterkunft für diese Nacht in der Jugendherberge. Wir machen Bekanntschaft mit einigen weiteren Wanderern: ein älteres Ehepaar, das uns durch seine Fitness beeindruckt, eine Familie, deren Kinder nicht ganz so begeistert erscheinen. Auf dem ganzen Weg führen die kurzen Begegnungen mit anderen Menschen immer zu einem kleinen Plausch, bei dem wir oft gefragt werden: „Geht ihr den ganzen Weg?“ Unserer Antwort ist und wird immer sein: „Leider nein.“ Gestern wäre es vielleicht noch ein „Auf gar keinen Fall!“ gewesen.

Richtig schön kitschig

Die nächste Etappe von Langdon Beck bis Dufton wird unsere anstrengendste, aber auch imposanteste sein. Kurz vor dem Start wird uns noch die Telefonnummer der Mountain Rescue eingeschärft, da der Weg durch den Regen der letzten Tage noch anspruchsvoller ist als ohnehin schon. Nach einem schon fast kitschig schönen Weg entlang des Flusses endet der Pfad, und wir klettern weiter über Steine, die das Ufer säumen. Zwischendurch immer wieder ein Blick auf das GPS, um zu checken, ob man hier wirklich richtig ist. Tatsächlich, obwohl schon lange kein Weg oder Pfad mehr zu erkennen ist! Der Tees macht eine Biegung, und wir stehen vor einem Wasserfall: dem Cauldron Snout. Das Wasser schäumt bräunlich-gelb über die Felsen, und es wirkt wenig einladend, hier weiter zu gehen. Aber wir gehen auch nicht weiter, sondern wir klettern. Der Pfad führt seitlich am Wasserfall hinauf bis zu einem Reservoir. Ab hier führt der Weg weiter durch ein Hochmoor, dessen Wege wir keinesfalls verlassen sollen, wenn wir nicht versinken wollen. Das machen uns mehrere Schilder ziemlich deutlich. Zum Glück erkennen wir unseren Pfad nun wieder besser.

Die ganze Geschichte gibt es in Wanderlust-Ausgabe 3/22, hier im Shop.

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