Gute Nacht, Wolf!

Im Norden der Provinz ­Québec hat sich ein Südfranzose einen Traum ­erfüllt: mit Wölfen leben. Im Parc Mahikan können Besucher gleich neben seinen drei Rudeln übernachten.

Text: Alexa Christ

R echts und links auf meiner Schulter liegt jeweils eine große Pfote. Ich blicke in ein Paar bernsteinfarbene Augen, starre auf große, spitze Zähne, sehe der rosigen, weichen Zunge entgegen, die in diesem Moment blitzschnell ausfährt und mir einmal genüsslich quer durchs Gesicht schleckt. So macht das Hector, der Hund meiner Eltern, auch gern, wenn er mich begrüßt. Bloß dass ich nicht mit einem Hund kuschele, sondern mit Luna, einer ausgewachsenen Polarwölfin. Im nächsten Moment wirft sich das große weiße Fellbündel auf den Rücken und streckt mir auffordernd den schmalen Bauch entgegen. Also gut. Lunas Lieblings-Streichelstellen sind schnell gefunden, und währenddessen kann man ja den Ausführungen von Gilles Granal lauschen. Vor zehn Jahren hat der gebürtige Südfranzose in der Region ­Saguenay-Lac-Saint-Jean das größte Wolfsbeobachtungszentrum der Provinz Québec gegründet.

Um dorthin zu gelangen, muss man eine Schotterstraße langfahren, die mitten ins Nirgendwo zu führen scheint. Vorbei an dichtem Baumbestand, durch den immer mal wieder das Blau kleiner Flüsschen schimmert, die den riesigen Lac Saint Jean speisen. Auf dem Weg zu Gilles’ Wölfen passiert man das „Maison du Père Noel“, also das Haus des Weihnachtsmanns, was inmitten dieser ländlichen Abgeschiedenheit einigermaßen unwirklich erscheint. Ist das hier auch der richtige Weg? Ehe die Unsicherheit uns dazu bringt, eine 180-Grad-Kehrt­wende zu vollführen, taucht Gott sei Dank das erlösende Schild auf: „Aventuraid/Parc Mahikan“. Kurz darauf folgen wir dem 52-jährigen Gilles anfangs noch mit gehörigem Respekt in das Gehege von Luna und ihren vier Geschwistern. Sie bilden eins von drei Wolfsrudeln, die im Parc Mahikan leben. Im ­Gegensatz zu den beiden anderen Rudeln – allesamt Grauwölfe – sind Luna, Bella, Sick, Johnny und Blacky jedoch so an Menschen gewöhnt, dass wir gefahrlos ihr Wohnzimmer betreten können. Sofort kommt ein Begrüßungskommando aus vier Polarwölfen herbeigerannt und gebärdet sich wie ein übermütiger, verrückter Tollhaufen. Es dauert keine zwei ­Minuten, da verlieren wir die anfängliche Beklommenheit und verfallen ­einer nach dem anderen dem bezaubernden Wesen dieser Wildtiere. „Wölfe leben in der Regel im Familienverbund. Sie sind sehr soziale Tiere, die stets für die Schwächeren im Rudel da sind“, sagt Gilles, dem die Leidenschaft für seine Schützlinge förmlich aus den Augen leuchtet.

Ein ungewöhnliches Projekt

2003 kaufte der gelernte Sportlehrer seine ersten Grauwölfe aus einem kanadischen Wildpark. Mittlerweile lebt er mit 35 von ihnen im äußersten Norden der Region Québec. Die meis­ten sind in seinen circa vier Hektar großen Gehegen geboren worden. Luna und ihre Geschwister wurden schon mit drei Tagen von der Mutter entwöhnt. Da waren ihre Augen noch geschlossen. Die kleinen Wolfsjungen nahmen den Geruch der sie umsorgenden Menschen auf und gewöhnten sich auf diese Weise an uns Zweibeiner. „Natürlich ist das Verhalten, das sie uns Menschen gegenüber zeigen, nicht das eines wild lebenden Wolfes“, gesteht Gilles freimütig ein. „Der würde sich einem Menschen freiwillig gar nicht nähern. Aber das Ver­halten, das die fünf untereinander zeigen, ist absolut natürlich.“ Johnny etwa, das einzige ­Männchen im Rudel, lässt sich an diesem Tag nicht blicken. „Der ist von seinen Schwestern geärgert worden und schmollt“, verrät Gilles lachend. Wie in jedem Rudel gibt es eine klare Hierarchie. Bella ist das Alpha-Weibchen, dem sich alle anderen unterordnen müssen. Ihre Schwester Blacky, die deutlich kleiner geraten ist und im Gegensatz zu den anderen graues und kein weißes Fell hat, mutiert in Abwesenheit ihres Bruders zum Omega-Wolf. Wenn sie ihren Geschwistern zu übermütig wird oder von uns Besuchern zu viel Aufmerksamkeit erhält, machen ihr entweder Luna oder Sick sofort klar, wo ihr Platz ist. „Im Rudel herrscht keine Demokratie, aber das muss auch so sein“, betont Gilles. „In schlechten Zeiten, wenn es wenig Futter gibt, muss der Leitwolf das Meiste bekommen, um stark zu bleiben und für das Rudel jagen zu können.“

Im Parc Mahikan ist das allerdings nicht nötig. Einmal die ­Woche füttert Gilles seine Schützlinge. Dann stehen Hirsch, ­Biber, Hase, Eichhörnchen und Karibu auf dem Speiseplan. Der engagierte Franzose hat ein kleines Dokumentationszentrum eingerichtet, in dem er Fotos seiner Wölfe präsentiert und über deren Lebensweise und Regeln im Rudel informiert. Seine Liebe für diese faszinierenden Wildtiere will er weitergeben, will dort Verständnis und Respekt säen, wo der Wolf immer noch auf Ängste und Ablehnung stößt. Deshalb geraten seine geführten Touren oft zu einem mehrstündigen, einmaligen Erlebnis.

Übernachten in Hördistanz zum Rudel

Fast noch beeindruckender ist es allerdings, so nah bei seinen Wölfen zu schlafen. Dazu hat er ein paar Holz-Chalets und Jurten direkt neben die Gehege gebaut. Abends bringt Gilles’ Frau Marie-Christine das leckere, selbstgekochte Essen vorbei. Die Holländerin Coty Jeronimus und ihre beiden Söhne Axel und Samuel langen kräftig zu. Ganze zwei Wochen haben sie sich im Parc Mahikan einquartiert. Tagsüber fahren sie Kanu oder Kajak, gehen wandern oder sind mit dem Rad unterwegs. Und natürlich besuchen sie immer wieder die Wölfe. Axel hat seinen Liebling bereits gefunden – einen Grauwolf mit halbem Ohr, der deshalb passenderweise „Van Gogh“ heißt. Voller Begeisterung erzählt er: „Gestern habe ich in einem der beiden ­Gehege mit den Grauwölfen einen Wolfswelpen gesehen. Der war wahnsinnig süß.“ Das Tollste kommt jedoch in den frühen Morgenstunden. Dann wacht man im Parc Mahikan nicht mit dem ersten Hahnenschrei auf, sondern mit sehnsuchtsvollem Wolfsgeheul. Und das klingt fast wie Musik.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2015

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