Mehr als Stadt

Städte bieten oft mehr als graue Urbanität und Alltags­hektik. wanderlust-Autor Daniel Elke geht in Wiesbaden auf Entdeckungstour und lässt sich von der Stadt überraschen.

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Lokalpatriot und Multitalent: Wolfgang Blum ist nicht nur ein erfahrener Wanderführer, sondern auch Bergsteiger und Autor.

Text & Fotos: Daniel Elke

"Was wir hier wagen, ist nicht weniger als eine Pionierleistung.“ Die Begrüßung von Wanderführer Wolfgang Blum macht neugierig. Dass er am Ende des ­Tages Recht behalten wird, wissen wir am frühen Morgen noch nicht. Gespannt erfährt unsere bunte Gruppe aus heimischen und angereisten Wanderfreunden den Plan für den heutigen Tag. Wir wollen erfahren, was ein Stadtgebiet wie Wiesbaden uns bieten kann, und dafür bleiben wir nicht in der Komfortzone der beschilderten Wanderwege. Wir haben einen Start und ein Ziel, der Weg dazwischen besteht aus Improvisation und Neugier. Aller Entdeckerromantik zum Trotz, hat Wolfgang natürlich schon die passende Route auf der Karte gefunden. Die Machete für dichtes Unterholz kann also wieder raus aus dem Rucksack. Denn auch wenn wir unterwegs etwas improvisieren wollen, gute Wanderwege, die gibt es schon in Wiesbaden. Der Tag startet im Wiesbadener Norden am Jagdschloss Platte und führt uns in den westlich gelegenen Vorort Frauenstein. Ungefähr 22 Kilometer durch das Stadtgebiet liegen vor uns.

Morgenluft statt Abgase

Es geht los, die Sinne der „Pioniere“ sind ausgeruht, geschärft und bereit, ­alles Neue in sich aufzusaugen. Beim Jagdschloss ­Platte saugt aber erst einmal ­unsere Kleidung den Regen in sich auf, und das nicht zu knapp. Der Wiesbadener Himmel ­begrüßt die Wanderfreunde mit Nebel und einem konstanten Regen der Kategorie: „Ist Wandern heute eine gute Idee?“ Aber welche Entdecker schrecken schon vor ein bisschen Regen zurück? Schnell wird festgestellt, dass es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur schlechte Kleidung, also vorwärts! Der Nebel ­verhüllt das modernisierte Jagdschloss aus dem 19. Jahrhundert nicht ganz. Schnell stellt man fest, dass zu damaliger Zeit sicher keine Dächer mit so einer ausgeklügelten Stahlkonstruktion gebaut wurden, Diese wurde erst bei der Renovierung hinzugefügt und ist nicht nur ein Hingucker, sondern auch eine Aussichtsplattform. Das Schloss im Rücken, marschieren wir in den nebelschweren Wald ­hinein. Für den Anfang unserer Etappe hat Wolfgang einen Wandervorschlag der Naturfreunde Wiesbaden e.V. ausfindig gemacht. Wir folgen dem Forstweg weiter in den Wald hinein und atmen die kühle Morgenluft, die angenehm nach nassem Laub duftet. Aber halt, wollten wir nicht eine Stadt erwandern? Wo bleiben Abgase, Verkehrslärm und die asphaltierten Fußwege? Das erste Klischee einer Stadtwanderung wird sofort aus dem Weg geräumt, vom Waldweg, um genau zu sein. Denn eine Stadt besteht nicht zwangsläufig aus zubetonierten Flächen, auf denen kein Grün wächst. Hier in der hessischen Landeshauptstadt besteht das Stadtgebiet­ ­sogar zu gut einem Viertel aus Wald.

Der Wald atmet

Geografisch befindet sich unser Pioniertrupp auf den Ausläufern des Taunus-Mittelgebirges, daher führt unser Weg in Richtung Rhein auch zunächst bergab, überrascht aber von Zeit zu Zeit mit einem Anstieg. Mit noch frischen Kräften werden diese ersten Steigungen bewältigt, und wir stehen schon nach kurzer Zeit vor dem Kaiser-Wilhelm-Turm auf dem Gipfel des Schläferskopf. Erst vor Kurzem wurde der Turm komplett saniert und bietet seinen Besuchern einen unerwartet grünen und weiten Blick über die Stadt. ­Nebel und Regen haben sich noch nicht ganz aufgelöst, lassen aber dennoch einen faszinierenden Ausblick über die Waldgebiete in Richtung Innenstadt und Rhein zu. Der Nebel und die Wolken fließen ineinander, und fast scheint es so, als könnte man den Wald beim Atmen beobachten. Ein echtes Naturschauspiel, und das hier in der Stadt. Es geht weiter durch den Wald. Immer noch keine Anzeichen von Straßen oder gestressten „Arbeitstieren“. Ab und zu geben die Bäume den Blick auf Lichtungen frei, auf deren Wiesen sichtbare Wühlspuren von der Futtersuche einer Rotte Wildschweine zeugen. Hunger macht sich auch bei uns ­bemerkbar, und bevor die Truppe es den Wildschweinen nachmacht, kehren wir lieber in das Jagdschloss der Wiesbadener Fasanerie ein. Der Tier- und Pflanzenpark ist mit seinem Streichelzoo und weitläufigem Areal ein beliebtes Ausflugsziel und bietet Wanderern eine ideale Möglichkeit zum Einkehren. Wolfgang hat bereits im Vorfeld angekündigt, dass zur Mittagszeit eine „Vesper“ auf uns wartet. Um Missverständnisse zu vermeiden, hierbei handelt es sich nicht etwa um eine mittägliche Messe in der Kirche, sondern um die regionale Bezeichnung für eine deftige Brotzeit. Die perfekte Chance also, um die regionalen Leckereien zu kosten.

Belohnung: Zwiebelkuchen

Ausgeruht und satt brechen wir auf, um die zweite Teilstück des Tages zu erkunden. Der Regen hat zum Glück nachgelassen. Denn ab nun wird unser Weg durch den schützenden Wald immer wieder von Weiden und Wiesen unterbrochen. Vorneweg hat Wolfgang die weitere Route in Richtung Frauenstein bereits auf der Karte ausgemacht. Als Profi hat unser Wanderführer aber nicht nur den Blick für die gesamte Route, sondern auch für Kleinigkeiten und Details am Wegesrand. In diesem Fall ist es ein Zweig mit großen Blättern, der an einem Baum die Markierung der Naturfreunde verdeckt. Wolfgang ist erfahrener Wegepate des nahe gelegenen Rheinsteigs und weiß, wie die Pflege von Wanderwegen funktioniert. Also weg mit dem Zweig. Sein Wissen um die Region, Natur und das Wandern teilt der überzeugte Rheingauer gerne mit anderen. Eine Stadt auf diesem Weg neu zu entdecken ist auch für ihn eine spannende Sache. Bei den Pionieren machen sich nun die Anstrengungen der letzten Stunden bemerkbar. Das beschauliche Frauenstein ist erreicht, aber das Ziel liegt noch einige Höhenmeter über uns – der Goethestein. Auf den letzten Metern des Tages werden die Beine durch einen kleinen steilen Trampelpfad noch einmal so richtig beansprucht. Ist die Anhöhe erklommen, bietet das Denkmal seinen Besuchern einen Panoramablick über Weinreben hinunter zum Rhein. So eine Aussicht ist schon Belohnung genug für die Anstrengungen, aber den krönenden Abschluss hat der ­ansässige Hotelbesitzer Klaus Sinz vom Weinhaus Sinz in Frauenstein mitgebracht: warmen Zwiebelkuchen und Federweisser, ein Traum. Wenig später lassen die Entdecker den Tag in seinem liebevoll gestalteten Restaurant und Hotel, dass die Rheingauer Lebensart pflegt, gemütlich ausklingen und spekulieren schon über die bevorstehenden Etappen. Die Wolken haben ihren ganzen Regen über Nacht fallen gelassen und hängen nun ganz ungefährlich als graue Schleier über unseren Köpfen.

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Rheingauer Lebensart im gemütlichen Weinhaus Sinz.

Sekt für „Pioniere“

Recht früh am nächsten Morgen, aber trotzdem ausgeruht, führt Wolfgang die Gruppe ­hinaus aus Frauenstein in Richtung Rhein. Der Weg läuft nun, ganz im ­Gegensatz zur vorherigen Etappe, mitten durch die Weinberge der Wiesbadener Winzer. Hier sind wir nun endgültig in der Welt von Wolfgang angekommen, das Wandern, Wein und der Rheingau sind seine Leidenschaft. Angekommen sind wir jetzt auch auf dem Rheinsteig. Dieser Fernwanderweg führt rechtsrheinisch über 320 Kilometer von Bonn bis nach Wiesbaden-Biebrich. Unser Weg ist also klar, wir folgen einem Teil der Etappe von Schlangenbad zum Biebricher Schloss. „Riecht ihr das? Herrlich, oder?“, ruft unser Tourenführer den Pionieren zu. Bevor wir den Trester sehen können, riechen wir schon den süß-säuerlichen Duft der Weintraubenreste neben den Rebstöcken. Nutzen können die Winzer diese Reste als Dünger, aber auch als Grundlage für den Tresterschnaps der hier gebrannt wird. Der Rhein kommt immer näher und lässt sich von gelegentlichen Anhöhen aus schon gut beobachten. Die Route führt nun an einer Straße bergab in Richtung Fluss. Eine Straße? Stimmt, wir wandern ja im Stadtgebiet. Die Begeisterung für die Weinberge hat dies schnell vergessen lassen. Aber auch hier, entlang der Straße und durch die Wohngebiete, lässt die Wanderlust nicht nach. Die Mischung der verschiedenen Landschaften lässt keine Langeweile aufkommen. Und der nächste Wechsel ist schon da, das Rheinufer. Hier am Schiersteiner Hafen beginnt ein ganz neuer Aspekt unserer Entdeckungstour, nämlich der Weg durch das Stadtleben. Am Rhein entlang, stoßen wir auf das barocke Schloss Biebrich mit seinem groß angelegten Schlosspark. Freunde des Reitsports kennen die Anlage vom alljährlichen Pfingstturnier, dass hier ausgetragen wird. Spätestens jetzt begeistert der Abwechslungsreichtum der Wanderung. Durch das Wandern haben wir nicht nur Ausblicke auf schöne Naturlandschaften erhalten, wir sind nun in der Kulturlandschaft einer Stadt angekommen, und dass hat nichts mit grauer Urbanität und Alltag zu tun. Diese Mischung begeistert und macht Lust auf den weiteren Weg durch den Park und die Stadt. Das Ziel liegt in Sichtweite. Die großen Werbeletter der Sektkellerei Henkell sind gut zu erkennen und versprechen ein prickelndes Ende der Etappe. Schon nach wenigen Augenblicken stehen ­unsere Pioniere mit einem Glas Sekt im imposanten Marmorsaal des traditionsreichen Unternehmens. Hier beenden wir unsere Entdeckungstour der Stadt, aber Wolfgang und einige weitere Mitstreiter haben sich für den heutigen Tag noch ein strammes Ziel gesetzt. Die komplette ­Umwanderung Wiesbadens, zurück bis zum Startpunkt am Jagdschloss Platte. 27 ­Kilometer stehen der Truppe noch bevor, und jeder davon wird sicher genauso abwechslungsreich und überraschend sein wie die vorherigen. So eine Stadt kann eben doch mehr als Einkaufsstraße, Restaurants, Kino und Grau. Es braucht nur Pioniere, die sich mal etwas trauen und nach Neuem suchen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 03 / 2017

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