Auf der Suche nach dem grünen Gold

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Exkursion zum Habachtaler Schatz – mit Sieb und Spitzhacke im Gepäck.
© Ralf Scholze

Das Habachtal in den Hohen Tauern beherbergt einen ganz besonderen Schatz: das einzige nennenswerte Smaragdvorkommen in Mitteleuropa. Auf „Stoasuacha“ mit einem passionierten Sammler.

Text & Fotos: Ralf Scholze

Es ist noch früher Morgen. Aus den Wiesen links und rechts der Salzach steigt noch Dampf auf. Dichter Morgennebel hängt über dem Talgrund, durch den sich langsam die Morgensonne durchzukämpfen scheint. Vereinzelt heben Kühe verwundert den Kopf, als wollten sie sagen: „Was wollt ihr denn so früh?“

Wir sind auf dem Weg zum Eingang des Habachtals, jenes Tals der Hohen Tauern, dessen Name überall in Mitteleuropa die Augen von Mineraliensammlern zum Leuchten bringt. Kann man hier doch wunder­schöne Bergkristalle, Rauchquarze und Berylle finden, und ganzen hinten im Tal, oberhalb der berühmten Leckbachrinne, befindet sich das einzige nennenswerte Smaragdvorkommen Mitteleuropas. Hier in den Hohen Tauern trafen einst in großer Tiefe unter unglaublichem Druck Gesteinsschichten mit Beryllkristallen auf Gesteinsschichten, die Chromatome enthielten. Wandern Chromatome in einen Beryllkristall, dann verwandelt sich dieser kristallklare sechseckige, stabförmige Kris­tall. Seine Form verändert sich nicht, aber was vorher kristallklar war, wird giftgrün. Aus dem Beryll wird ein Smaragd.

Waschplatz für Schatzsucher

Dass es hier Smaragde geben soll, ist nicht zu übersehen. Schräge, mannshohe, massive Säulen aus grünem Glas mit sechs­eckiger Grundfläche bilden die Wegmarkierung auf den letzten Kilometern bis zum Wanderparkplatz. So sehen sie also aus, die begehrten Kristalle. Werden wir welche finden? Die Chancen stehen nicht schlecht. Schließlich sind wir hinten im Tal beim Gasthof Alpenrose mit Alois ­Steiner verabredet, einem Pinzgauer Strahler, so nennt man hier die Mineraliensammler, mit fast siebzig Jahren Berufserfahrung.

Nach ein paar Stunden Fußmarsch auf dem Smaragdweg haben wir das erste Etappenziel erreicht und stehen gemeinsam mit ihm am Rand des Leckbachs, der unweit des Gasthofs Alpenrose in den Habach mündet. Seine 75 Jahre sieht man dem rüstigen „Stoasuacha“ wirklich nicht an. Zusammen mit seinem schweren Rucksack lädt er sich noch einige metallene Siebe, eine Spitzhacke und einen großen Hammer auf die Schultern. Ein paar große Meißel verschwinden in der Hosentasche. Dann stapft er gemächlich, aber stetig neben dem Bachufer langsam den Hang hinauf. Es geht an einem Schild vorbei, mit der Aufschrift: „Weg zum Bergwerk gesperrt! Steinschlag!“ Zu groß ist die Gefahr, dass sich hier Sammler und Touristen unbeabsichtigt durch losgetretene Steine gegenseitig erschlagen. Das Bergwerk ist für normale Touristen tabu. Einfach zu gefährlich.

Aber man muss nicht hinauf in die Felswand, denn dort oben findet irgendwo der Leckbach seinen Weg ins Freie und stürzt von dort durch die Leckbachrinne quasi in der Direktissima hinab ins Tal. Auf diesem Weg nimmt das Wasser nicht nur jede Menge Gestein mit, besonders wenn es mal wieder kräftig geregnet hat. Ständig führt der Wildbach auch grüne Kristalle mit sich, mal kleine, mal richtig winzig kleine und bisweilen auch ein wenig größere Kristalle, genug, dass man hier für die Sammler im Bachbett einen regelrechten Waschplatz eingerichtet hat. Was man an Werkzeug braucht oder zu brauchen glaubt, kann man beim Gasthof Alpenrose ausleihen.

Nie dem Smaragd nachjagen!

Alois Steiner setzt den Rucksack ab und deutet auf einen grauen, faustgroßen Stein. Wir sehen nichts. Ohne viele Worte wäscht er im eiskalten Gebirgsbach den grauen Dreck vom Stein und hält ihn in die Höhe. Da glitzert etwas. Im Schein der warmen Morgensonne entdecken wir ein paar glitzernde, giftgrüne winzige Zacken.

„Reich werden kannst du damit nicht“, erklärt der Mineraliensammler im breiten Pinzgauer Dialekt. „Es geht ja auch nur um das Suchen und Finden. Findest du aber einen Smaragd, und sei er noch so klein, dann packt dich ein ganz besonderes Gefühl, dann packt dich das Fieber, dann kannst du nicht mehr aufhören.“

Angefangen hatte er seine Karriere als „Stoasuacha“ als fünf Jahre alter Junge, der immer wieder den Vater bekniete, ihn doch mal auf eine seiner Bergtouren mitzunehmen. Endlich kam der große Tag, und der Junge bekam vom Vater den Auftrag, durch einen engen Kamin in der Felswand aufzusteigen. Oben wollte man sich wieder treffen. Im Kamin, quasi auf halber Strecke, lag auf einem Felsabsatz eine herrliche Rauchquarzstufe. Steiners Augen leuchten, wenn er sich daran erinnert. Ob der Vater die Rauchquarzstufe dort extra für ihn aufgebaut hatte, das hatte er zeit­lebens nie aus ihm herausbekommen. Aber der „Steinevirus“ hatte in diesem Moment zugeschlagen und hat ihn das ganze Leben nicht mehr losgelassen.

Seit dem Tag nahm ihn der Vater jeden Sommer mit auf die Sedlalm, zum Hüten und Melken der Kühe und im Sommer zum Heumachen. Unmittelbar neben der Almfläche verläuft die Leckbachrinne, und wenn das Wetter zu schlecht zum Heumachen war, dann fand man den kleinen Alois in der Leckbachrinne beim „Stoanesuacha“.

Smaragdwaschen für Anfänger

„Wenn du anfängst, dem Smaragd nachzujagen“, warnt uns Steiner, „dann ist das ganz schlecht.“ Auch in seinem Leben hatte es Jahre gegeben, in denen er mehr Jäger als Sucher war, Jahre, in denen er was beweisen wollte, Jahre, in denen er überhaupt nichts fand. „Erst als ich losgelassen habe, da ist es wieder gelaufen.“ So was nennt man dann wohl Lebenserfahrung.

„Jetzt zeig ich euch aber, wie man Smaragde wäscht“, grinst er uns spitzbübisch an und sucht nach einer geeigneten Stelle an einem Seitenarm des Bachs, um sein Sieb aufzubauen. Links und rechts vom Sieb rollt er ein paar Felsbrocken herbei und leitet so das Wasser über den ersten Teil des Siebes. Mit der Spitzhacke löst er Geröll vom Grund des Baches und zieht das dann in kleinen Portionen mit einer Art Rechen über das Sieb. Das Wasser schwemmt den Dreck beiseite. Übrig bleiben größere und kleinere Steinchen, und auf diese Steinchen kommt es an. Schimmert da nicht etwas grünlich? Ist es ein Smaragd oder ein Stückchen Glas von einer Bierflasche? Immer wieder werden erdige Steinchen durchgewaschen, immer wieder ertönt das Kratzen des Rechens auf dem Sieb und dann … da ist er! Unser Schatz, unser giftgrüner Smaragd.

Unvermittelt gebietet uns Steiner Einhalt. „Jetzt will sich wahrscheinlich keiner mehr finden lassen“, erklärt er trocken. „Wir wollen nicht gierig sein.“ Recht hat er, denn gefunden hat er in seinem Leben genug, und die Lektion mit der Gier, die hat ihn das Leben gelehrt.

Bei einer heißen Suppe mit einem Pressknödel auf der Terrasse der Alpen­rose fällt erst auf, wie durchgefroren man durch das Suchen im eiskalten Wasser ist. Die wärmenden Strahlen der Nachmittagssonne tun richtig gut. Dazu noch der Blick auf den Wasserfall auf der anderen Talseite und auf die Gletscher im Talschluss, und natürlich der kleine Schatz in einem kleinen Plastikröhrchen in der Hemdtasche – Zutaten für einen perfekten Abenteuertag.

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Ur-Abenteurer: Schon in der Bronzezeit sollen im Habachtal Menschen nach dem grünen Gold geschürft haben.
© Ralf Scholze

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2015

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