Die Gärten der Zitronen

Am schönen Gardasee werden Zitronen gezüchtet – nördlicher geht nicht! Im idyllischen Örtchen Limone steht daher noch heute alles im Zeichen dieser gelben Frucht.

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Auf der Sonnenseite: Limone liegt geschützt an der warmen Felswand am Seeufer.
© Friederike Brauneck

Text & Fotos: Friederike Brauneck

Ich bin total fit -– dank Fisch, Olivenöl und natürlich Zitronen!“ Alberto Dagnoli, der mit seinen 88 Jahren offensichtlich vor Gesundheit strotzt, führt uns durch die Limonaia Castèl, dem letzten Zitronengewächshaus im Herzen von Limone. Zwar hat er selbst nicht dieses besondere Protein Apo A-1, das bei seinem Bruder als erstem Einwohner in ungewohnt hoher Menge als Beweis bester Herz-Kreislauf-Konstitution von Wissenschaftlern festgestellt wurde. Aber auch ohne diesen genetischen Fußabdruck, den der für den Ort typische Ernährungsmix bei vielen Bewohnern von Limone hinterlassen hat, schwört er auf die tägliche Südfrucht. Mit Leidenschaft stellt er die letzten Gewächshäuser im Ort vor – heute ein spannendes Museum.

Wahrscheinlich waren es Mönche, die im 13. Jahrhundert die exotischen Früchte an den Gardasee brachten. Hier in Limone, einst ein kleines, abgeschiedenes Fischer­dörfchen, fanden sich perfekte Voraussetzungen: ein kleiner Bach, dessen Wasser genutzt werden konnte, und die Ausrichtung zur Sonne nach Südosten, im Rücken durch Felswände abgeschottet gegen kalte Winde. Der See noch heute ein Garant für ein ausgewogenes Mikroklima, weshalb man Minusgrade selten fürchten muss. Denn das mögen Zitrusfrüchte nicht. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts wurden 200 Bäume auf neun steilen Terrassen angepflanzt, immer der Sonne entgegen. 1750 konnten die ers­ten Früchte geerntet werden.

Im 18. Jahrhundert wurde das Anbaugebiet hier oben am 46. Breitengrad regelrecht professionalisiert: Man baute Gewächshäuser – bis zu zehn Meter hohe Konstruktionen aus hartem Kastanienholz, um die edlen Früchte im Winter mit Glasscheiben zur Not vor Kälte und Wind zu schützen.

Exotische Handelsware

Zunächst waren die Früchte nicht zum Verzehr für die Dorfbewohner gedacht, sondern dienten als wertvolle Tauschware mit den Nachbardörfern. Schnell wurden sie ein begehrtes Handelsgut über die Grenzen hinaus bis nach Österreich, Russland und England. Wichtig waren die Früchte auch für die Seefahrt, um die gefürchtete Vitaminmangelkrankheit Skorbut auf den endlos langen Fahrten zu vermeiden.

Mitte des 19. Jahrhundert sorgte Gummose, eine Krankheit der Pflanzen, für einen Rückgang der Ernte. Außerdem wurden Früchte aus Kalabrien und Sizilien zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz. Ein ungewöhnlich strenger Winter 1928/29 sorgte für das endgültige Aus der Gewächshäuser.

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Alberto Dagnoli kennt sich nicht nur mit Zitronen aus, sondern auch mit Kapern.
© Friederike Brauneck

Seit 1985 ist der Zitronengarten von Limone als ein Museum der Öffentlichkeit zugänglich. Dafür wurden sechs der ursprünglich neun Terrassen nach traditionellen Vorgaben wiederhergestellt. Neben den etwa 70 Zitrusbäumen sind Orangen, Mandarinen, Grapefruit und Kumquat zu bewundern, an deren grün belaubten Zweigen in trauter Nachbarschaft schwere Früchte hängen. Auch eine faszinierende Besonderheit dieser Pflanzen: Sie liefern bis zu fünf Ernten pro Jahr und so finden sich immer Früchte in den unterschiedlichsten Stadien gleichzeitig an einem Baum. Besonders intensiv ist der Geruch der Blüte im Winter: Ein betörender Duft, dem man sich nicht entziehen kann.

Limone selbst, am westlichen Gardasee-Ufer gelegen, war lange nur auf dem Seeweg erreichbar. Erst 1936 wurde eine Straße zu dem kleinen Ort hin gebaut – von Mussolini. 1955 entdeckte das Fischerdörfchen allmählich den Tourismus als segensreiche Einnahmequelle. Die Häuser, unten am Wasser die der Fischer, weiter oben die der Oliven- und Zitronenbauern, verwandelten sich in hübsche Hotels: Viele familiengeführte 4-Sterne-Häuser, aber auch ein 5-Sterne-Hotel entstanden, die den kleinen Hafen sehr gefällig umrahmen. Ende November schließen die meisten von ihnen und Limone fällt in Winterschlaf, bis kurz vor Ostern das Frühjahr mit den ers­ten Reisenden die Saison wieder eröffnet.

Gardasee bedeutet Genuss

Neben hübschen Geschäften wird vor allem die gute italienische Küche mit regionalen Köstlichkeiten gepflegt. Marco Girardi, Direktor des Tourismus-Konsortiums der Gemeinden, lacht: „Als es mit dem Tourismus los ging, haben wir gedacht, die Deutschen essen nur Gulasch. Heute wissen die besser als wir, wo die besten Restaurants am See sind und welcher Wein gut ist.“ Und sie werden fündig – denn der See liefert stets frischen Fisch wie Seebarsch, Felchen, Forelle, dazu Luganer, den typischen frischen Weißwein. Natürlich bestes Olivenöl aus dem Umland und faustgroße Zitronen direkt von den Ufern des Sees.

Was sich aus diesen hervorragenden Zutaten zaubern lässt, kann man etwa im Hotel-Restaurant Monte Baldo mit Blick auf den See genießen. Unbedingt probieren sollte man ein altes Hausrezept, bei dem die gelbe Frucht mit Schale in dünne Scheiben geschnitten und mit braunem Zucker bestreut wird. Und nicht zu vergessen Limoncello, der typische Zitronenlikör, den man eiskalt oder mit Milch gemixt trinkt.

Bis heute ist es nicht gelungen, aus der für Limones Bewohner typischen Proteinmutation ein cholesterinsenkendes Medikament herzustellen. Könnte es einen besseren Grund geben, als für Gesundheit und ein langes Leben ein paar Tage in Limone bei Sonne und köstlichem Essen zu verbringen?

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2016

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