Es rattert. Die „Kaiserkrone“ legt an, der Fährmann schiebt das Gitter zur Seite. Grüne Hänge rutschen aufeinander zu, der Wald darauf fließt förmlich ins Wasser. Viel Platz hat der Fluss nicht. „Wenn man da jeden Tag auf Arbeit geht, ist das normal“, sagt der Kapitän. Und gerät gleich darauf doch ins Schwärmen: Wenn sich im Winter Schnee auf den Fluss lege, sei das schon bezaubernd. Oder an warmen Sommerabenden. Dann fliegen die Libellen, manchmal auch ein Eisvogel, dicht an die Fähre, frühmorgens schwimme der Biber.
Im Wasser spiegelt sich eine rosafarbene Villa. Über der Kamnitz-Mündung wacht sie am Eingang in das enge Tal. Zusammen mit dem Kopf des Herrenhausfelsens, der am anderen Ufer des Elbzuflusses angekohlt über dem Dach eines Hotels klebt. Das tschechische Hřensko ist die erste Überraschung, noch bevor der Forststeig beginnt.
Ein Hauch Fernost in Sachsen
Zugegeben ist es am schönsten, wenn die vietnamesischen Händler ihre Nippesbuden, die in endloser Schlange den ansteigenden Weg säumen, wieder verrammelt haben, weil die Prebischtor-Touristen für heute verschwunden sind. Dann bekommen die hübsch restaurierte Kirche auf dem gepflasterten Platz und die Häuser im Schweizerstil Luft zum Atmen. Zum Glück blieb der Ort weitestgehend verschont von den Flammen des jüngsten Waldbrands, die weiter oben bis vor den Veranden züngelten.
Am deutschen Elbufer spuckt die „Kaiserkrone“ ihre wenigen Fahrgäste wieder aus. Durch den Tunnel unter den Gleisen steigen Stufen zum Bahnhof und einer guten Hand voll Häuser, die sich im unteren Teil von Schöna mit dem Rücken an die Felswand quetschen. „Forststeig Lesní stezka“ steht in gelben Buchstaben auf einem grünen Wegweiser, der nach rechts zeigt. „Trekkingroute Apr.-Okt.“ darunter. Das Tschechische deutet an: Der 105 Kilometer lange Weitwanderweg schlingert durch Grenzgebiet. Oft tritt ein Wanderschuh auf sächsischen, der andere auf böhmischen Boden.
Spuren des Klimawandels
Über rundgetretenes Pflaster kraxelt der Forststeig dem oberen Ortsteil entgegen, wo der Zirkelstein als kleinster Tafelberg der Sächsischen Schweiz aufragt. Noch vor Schöna biegt er scharf links, folgt dem Elbhang flussaufwärts. Baumstämme liegen quer über dem Weg, der auf sparrigen Stämmchen einen Seitenbach überbrückt (immerhin mit Handlauf!), zwischen hohen Farnen eine Spur trampelt, sich unter Nadelbaumdickicht durchschlägt. Dem Gelobtbach folgt er hinauf. In kleinen Kaskaden rauscht und sprudelt dessen Wasser zwischen Felsen. Weiße, am Fuß bemooste Grenzsteine stemmen sich hervor. Auf der einen Seite ein schwarzes D, auf der anderen ein C.
Verwunschene Abschnitte wechseln mit breiten Wegstücken, auf denen schwere Forstmaschinen tiefe Spuren in den Boden wühlen. Auch die riesigen Wälder im linkselbischen Grenzgebiet kämpfen sichtbar mit Trockenheit. Sie macht es dem Borkenkäfer leichter, sich unter der Rinde von Buchen und Nadelbäumen einzunisten. Solch befallenes Holz transportieren die Waldarbeiter schnellstmöglich ab. So gähnt an manchem Hang bloßer, brauner Boden. Es kann auch vorkommen, dass zur Sicherheit Bereiche abgesperrt werden. Sachsenforst bittet, solche Hinweise zu beachten. Ebenso wie den Forststeigkodex.
Auf den großen Zschirnstein
Dieser listet eigentlich Selbstverständliches auf: kein Feuer im Wald entzünden, Müll mitnehmen, nur an Biwakplätzen und in Trekkinghütten übernachten. Tiere, Pflanzen und alle, die für den Wald arbeiten, sollen möglichst nicht gestört werden. Damit dieses ungewöhnliche Projekt weiterlebt: Dass ein Landesforstbetrieb in seinem Revier einen Weitwanderweg betreibt, er Menschen ermöglicht, auf Tuchfühlung mit der Natur eine Woche durch das Grenzland aus Wald und Fels zu strolchen.
Nachdem der Forststeig den Gelobtbach links liegen gelassen hat, zeichnet ein erster Felsbalkon seine Schemen: der Große Zschirnstein. Von hinten schlängelt sich der Weg zwischen Sandsteintürmen hinauf. Vorsichtig tasten die Schritte zur Kante, bis eine innere Sperre und Ziehen im Rücken sie stoppt. Weitblick über Waldmeer: Vor aneinandergereihten Felsen klafft eine Ritze und lässt den Lauf der Elbe erahnen. Immer wieder heben senkrechte Wände wuchtige Klötze aus den grünen Hügelwellen. Wie riesige Schiffe segeln die Tafelberge über den Wipfeln. Königstein, Pfaffenstein und – ganz im Süden, an der historischen Vermessungssäule vorbeigeblickt – ein mächtiger Koloss.
Rapunzel, Rapunzel
723 Meter machen ihn zum Höchsten im Elbsandsteingebirge. Der Hohe Schneeberg liegt schon in Tschechien. Er kommt morgen dran, wenn der Forststeig das zwei Kilometer breite Plateau mit Rapunzelturm quert, um den Campingplatz von Ostrov zu erreichen. Mit 560 Metern ist der Große Zschirnstein zwar deutlich niedriger, aber immerhin der höchste Gipfel im deutschen Teil des Grenzgebirges. Dort genießen noch andere Menschen den Ausblick. Die ersten seit Schöna. Eher auf Tagestour: Die Rucksäcke, aus denen sie ihre Brote zur Gipfelrast ziehen, sind deutlich kleiner als die der Forststeigler.
Wieder unten, blickt man vom ersten Biwakplatz an der Strecke zurück auf die Südspitze des Großen Zschirnsteins. Eine schmales, transportables Holzhäuschen mit Pultdach und ein paar Fenstern steht auf der kleinen Lichtung. Innen steigt eine Leiter am Mittelpfosten auf die obere Ebene, insgesamt können hier vier Personen Schlafmatten ausrollen, sich im Trockenen stärken. Eine Urhütte, entworfen von Léa Wassong und Farhad Babayev. Die beiden studierten 2016 Architektur an der TU Dresden. Ihr Modell aus dem Seminar „Biwak“ schaffte den Sprung vom Reißbrett ins wahre Leben. Dabei hatten die beiden noch nie zuvor im Wald übernachtet.
Bezahlung auf Vertrauensbasis
Irgendwo knackt es. Dringen da Stimmen aus dem Wald? Mit einem Mal ist der ganze Körper hellwach. Zwei Stirnlampen schaukeln heran. Sie gehören zu zwei Pfadfinderinnen, bei einer steckt sogar eine Gitarre im Rucksack. Sie stiegen erst am frühen Nachmittag in Schöna aus dem Zug. Im Lichtkegel schreiben sie das Datum auf ihre Trekkingtickets, reißen einen Teil ab und werfen ihn in die dafür vorgesehene Box.
Der andere Abschnitt dient als Nachweis. Das Bezahlen der Übernachtungen am Steig läuft auf Vertrauensbasis. Die Forstleute machen jedoch Stichproben, kontrollieren je nach Zeit und Einsatzort mal diese Trekkinghütte, mal jenen Biwakplatz. Die Tickets lässt man sich im Vorfeld mit der Post schicken. Sie gelten zwei Jahre, garantieren aber keinen Platz – reservieren kann man den Forststeig nicht. Nahe gelegene Tourist-Infos verkaufen vor Ort, eigentlich auch ein Büro im Bad Schandauer Bahnhof. Doch das hatte entgegen der Öffnungszeiten schon geschlossen. Glücklicherweise beendete gerade eine Wanderin den Forststeig. Zu erkennen daran, dass sie mit großem Rucksack und seligem Gesichtsausdruck um den Getränkeautomaten schlich. Sie hatte noch Tickets übrig.
Designhütte für müde Wanderer
Schade, dass es noch zu früh zum Schlafen ist! Bis zum ersten Etappenziel, dem Taubenteichbiwak, sind es noch zwei Stunden. Wieder total einsam, bis auf einen Hubschrauber, der schon am Zschirnstein entfernt lärmte. Zunächst läuft es eben, dann kreuzt der Forststeig zwei Bächlein, zu denen er hinab- und anschließend wieder hinaufsteigt. Sich zwischen Felsklippen durchquetscht, über einen langen Steg schlendert, eine gefühlt ewig lange Wurzeltreppe nimmt. Ein Stück, das in die Beine geht. Endlich spiegelt sich zwischen Baumstämmen die Uferkante des Taubenteichs im schwindenden Abendlicht.
Bei der Feuerstelle am Biwakplatz sticht ein zweites, luxuriöses Designerstück in Sachen Urhütte ins Auge: Abgesägte Baumstümpfe bekleiden die Außenwände. Zum überdachten Zwischenraum zeigen vier Klappen, auf jeder Seite eine oben und unten. Wie bei einer Garage fährt das Tor nach oben. In dem Abteil dahinter kann sich ein Mensch liegend ausstrecken, sitzend ins Gästebuch schreiben und seinen Rucksack ausräumen. Unten lassen sich ein Tisch und zwei Bänke rausziehen, selbst an einen Platz für Kehrschaufel und Besen haben die entwerfenden Studenten gedacht. Solange die Klappe noch offensteht, guckt man aus dem Bett zu, wie es am Taubenteich immer dunkler wird. Jetzt schweigt auch der Hubschrauber.
Feuchtgebiete
Hinter Ostrov durchnässen hohe Gräser und Farne rasch die Hosenbeine. Der Weg turnt über Felsen, kurvt durch kleine, bemooste Kessel. Nieselregen füttert die Szenerie mit ganz eigener Stimmung. Vor Allerseelenturm, Raizaer Zinne und Grenzspitze klebt grauer Nebel. Die Aussicht vom Zeisigstein, den passend zur Forststeigmarkierung 46 Stufen einer grün-gelben Eisentreppe erklimmen, ist gleich null. Ein schief stehender Fels hält beim Picknick noch trocken, bis etwas später oberschenkelhohe Blaubeersträucher sogar die Unterhose durchweichen. Da macht es auch nichts mehr, dass es kurz darauf wie unter der Dusche niederprasselt. Zum Glück geht es nur noch eine gute halbe Stunde locker bergab bis zur Kamphütte.
Die beiden Pfadfinderinnen sitzen schon drin, später trieft Marcus aus Moritzburg noch herein. Das Feuer im Ofen will nicht so recht in Gang kommen. Draußen schüttet es, als gäbe es kein Morgen. Was für ein Geschenk, diese Nacht ein festes Dach über dem Kopf zu haben! Marcus lüftet am nächsten Tag das Geheimnis um den Hubschrauber, als er sich draußen Brauchwasser abzapft. An der Hütte Willys Ruh traf er jemanden von Sachsenforst. Er verriet, dass sie den Wald aus der Luft kalken, um den pH-Wert des Bodens und damit das Leben darin zu verbessern. Marcus sagt: „Weiße Schlieren auf dem Wasser zeigen das an. Das sollte man besser nicht trinken.“
Krönender Abschluss
Auf den nächsten Kilometern spenden Brunnen und die Biela reichlich frisches Wasser. Zwischen Fichtenwurzeln, die quer über den Weg kriechen, zeugen Spuren davon, wie die gestrigen Sturzbäche den Sand mitgerissen haben. Auf Wurzeltreppen folgen Eisenstufen, die sich im rechten Winkel durch Klüfte im Gestein zwängen. Das Bielatal gleicht einer Outdoor-Galerie für Felsgestalten, die Wölkchen und Nebelschleier noch nicht loslassen. An beiden Flanken reihen sich Höhlen, Türme und Nadeln, schmale Stiegen kriechen hindurch oder hinauf. Die Einsamkeit macht hier eine Pause: Forststeigwandernde teilen ihn mit Schulklassen und anderen Ausflüglern, den riesigen Abenteuerspielplatz.
Bei der Ottomühle wartet dann wieder mal eine Überraschung – ungeplante Abwechslung zu Haferflocken: Mangold-Käse-Bratlinge landen begleitet von einem kühlen Blonden im Bauch. Wir stärken uns inmitten einer lustigen Radfahrergruppe. Ein Highlight, das sich viel, viel später auf dem Papststein hätte wiederholen können. Es fällt wirklich schwer, das urgemütliche, einladende Restaurant dort auf der Bergspitze auszulassen. Aber es ist der letzte Abend, überall lauern großartige Blicke zu den umliegenden Tafelbergen im fahlen, schwindenden Licht des Tages. Hier könnte Caspar David Friedrichs Rückenfigur gestanden haben – oder auch da! Überall gibt es Ecken und Flecken und Blickwinkel zu entdecken. Dabei verströmt der Papststein irgendwie vertraute Behaglichkeit. Ein absolut würdiges Finale!
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VORHER
Zum ersten möglichen Lager, dem Zschirnstein-Biwak, sind es auf direktem Weg (ohne Großen Zschirnstein) gut 7 km. Wer spät in Schöna aus dem Zug steigt, muss vor dem Start übernachten. Das Zirkelstein-Resort in Schöna ist als Gruppenunterkunft oft ausgebucht. Alternativ setzt die Fähre unten beim Bahnhof über die Elbe. Im tschechischen Hřensko (Herrnskretschen) gibt es preiswerte Quartiere, zum Beispiel im pinken Haus rechts vor dem Platz mit der Kirche.
MITTENDRIN
Der kurvende Verlauf und Busverbindungen bis an den Forststeig machen es möglich, abzukürzen und sich auch mit weniger Zeit ins Abenteuer zu stürzen.
HINTERHER
Wer in Bad Schandau einen frühen Zug erwischen muss, schafft dies vom Biwak Alte Gärtnerei in Gohrisch. Von diesem liebenswerten Schlafplatz in ausrangierten Gewächshäusern treffen Waldwege in einer knappen halben Stunde am Kleinhennersdorfer Stein den Forststeig (etwa bei Kilometer 97).
stärken
LECKERBISSEN AM WEGESRAND
Alternativ zum Campingkochermenü gibt es am Weg die Chance auf einen Festschmaus: Im Bielagrund schiebt die freundliche Bedienung der Daxensteinbaude dampfende Soljanka, frisch geräucherte Forelle und vegetarische Linsenbratlinge über die Theke. Gegenüber in der gediegeneren Ottomühle locken Saibling aus der Biela, Schnitzel und Braten auf die hübsche Terrasse. ottomuehle.de
Auf dem Plateau des Papststeins besticht neben Rundumsicht und Sonnenuntergang über der Sächsischen Schweiz die gemütliche Bergwirtschaft. Innen heizt ein Kachelofen ein, außen lässt die Terrasse den Blicken freien Lauf. Die Gerichte aus überwiegend regionalen Zutaten bereitet das Team frisch zu, von vitaminreichen Salaten über Spätzle und Knoblauchspaghetti bis Fischfiletstreifen und Schweineschnitzel. berggast.de
Wenn das Café & Bistro Drehscheibe am Bahnhof Bad Schandau geschlossen hat, retten außen zwei Proviant-Automaten die finale Belohnung mit Kaltgetränken und Knabbereien. cafe-drehscheibe.de
abbiegen
TYSSAER WÄNDE
Ein Felsenlabyrinth wie eine Stadt: Vom tschechischen Ort Tisá am Beginn der dritten Etappe führt ein Wanderweg zu den Tyssaer Wänden. Ein kleines Eintrittsgeld entlässt in das Nationale Naturreservat. In Form einer Acht führt ein Naturlehrpfad durch die bis zu 30 Meter hohen Felsen mit kuriosen Namen.
FESTUNG KÖNIGSTEIN
Dicht an Etappe sechs thront mit der Festung Königstein eine der größten Bergfestungen Europas 240 Meter über der Elbe. Auf dem Plateau, geschützt von hohen Mauern auf senkrechten Sandsteinwänden, zeugen bis zu 400 Jahre alte Bauten vom Wandel der Burg über ein Lustschloss zu Gefängnis und Freilichtmuseum. festung-koenigstein.de